Native Apps sind immer noch im Vorteil
Das Kräftemessen hat gerade erst begonnen
Eine App für mehrere Systeme - mit HTML5 scheint der Königsweg des „Cross Plattform Development” gefunden. Doch in der Praxis zeigen sich noch Probleme.

Amerika, du hast es besser, du zeigst Apple eine lange Nase: „The Web becomes the big workaround“, freut sich Mitch Joel, Autor der Huffington Post und CEO der Digitalagentur Twist Image. Gemeint ist der neue US-Trend, Webapps mit eigener Bezahlfunktion zu etablieren. Als native iPhone-App hat Apple das vor kurzem verboten.
Vorreiter für Ersatz-Apps aus dem Web sind die Financial Times und Amazon mit seinem Kindle Cloud Reader. Dabei handelt es sich um eine Online-Variante des Kindle, die in jedem HTML5-fähigen Browser läuft. Damit erscheint sie auch auf dem iPad. Die Benutzeroberfläche wirkt wie bei einer nativen App und bietet ausreichend Lesekomfort. Der Clou: Bücher können lokal auf dem iPad gespeichert und offline gelesen werden.
App-Entwickler experimentieren gern
Diese App könnte das werden, was HTML5 bisher fehlt: Eine Killer-App, die den träge Fahrt aufnehmenden Tanker des zukünftigen Webstandards beschleunigt. Diskutiert wird HTML5 als Nachfolger der aktuellen Webtechnik schon länger, aber erst 2014 soll es offiziell beschlossen werden.
Das neue HTML unterstützt unter anderem einige Smartphone-Besonderheiten wie Beschleunigungssensoren, GPS und lokales Speichern. “The new media can't be stopped”, meint Mitch Joel. Und tatsächlich, die Zahl der Webapps und Smartphone-optimierten Websites mit HTML5 steigt langsam an. Vor allem Medien und Informationsangebote nutzen die Möglichkeiten der neuen Technik.
Letztlich geht es darum, eine App ohne großen Aufwand auf möglichst vielen Betriebssystemen anzubieten. Das Stichwort ist „plattformübergreifende Entwicklung” oder „Cross-Platform Development”. Dabei handelt es sich um einen immer deutlicheren Trend in der App-Entwicklung (Siehe Interview mit Christian Lupp).
„App-Entwickler sind experimentierfreudig und auf plattformübergreifende Entwicklung bedacht”, lautet eines der Ergebnisse der Studie “Developer Economics 2011“ von VisionMobile aus London. Die Analysten der Agentur gingen den angesagten Plattformen für die App-Entwicklung auf den Grund.
Für Android sprachen sich 67 Prozent der befragten Programmierer aus. iOS liegt mit 59 Prozent auf dem zweiten Platz. Dann wird es interessant: Auf Platz 3 folgt mit 56 Prozent kein Betriebssystem, sondern das mobile Web. Eine weitere aufschlussreiche Aussage der Studie: Entwickler portieren immer öfter ihre Apps direkt auf andere mobile Betriebssysteme. Viele programmieren für drei oder mehr Plattformen.
Das ist allerdings keine leichte Aufgabe, denn jede Plattform nutzt eine andere Programmiersprache und besitzt spezifische Eigenheiten. Das Übertragen einer Anwendung von einem Betriebssystem auf ein anderes ist kein Spaziergang. Das im Zuge der Standardisierung immer mächtiger werdende HTML5 als Werkzeug zu nutzen, ist dabei naheliegend.
App-Marktplätze entscheiden über den Erfolg
„Das Versprechen der Webapps an die Entwickler lautet: Ihr müsst nur einmal etwas in HTML und JavaScript entwickeln und seid dann auf allen Plattformen präsent“, beschreibt Heiko Behrens die Motive für den HTML5-Trend. Der Geschäftsführer von BeamApp (beta.getbeamapp.com) sieht das eher skeptisch.
„Webbapps sind nicht im Appstore von Apple oder den anderen App-Marktplätzen präsent“, sagt Behrens. Eine Webapp ist in Googles Suchergebnissen nicht als solche erkennbar und die Anwender müssen zuerst manuell eine Verknüpfung anlegen. Das Problem: Fast alle Anwender finden das zu umständlich, das Suchen und Installieren einer App via Appstore wirkt einleuchtender.
„Die Appstores sind für die Distribution konkurrenzlos“, sagt Heiko Behrens. Aus diesem Grund sind auch fast alle erfolgreichen HTML5-Apps keine reinen Webapps, sondern Hybrid-Apps. Dabei wird die App in einem für jedes Betriebssystem speziell angepassten Container ausgeführt, der die Schnittstelle zu den Gerätefunktionen ist.
„Solche Apps können zum Beispiel die Kamera oder das Adressbuch benutzen“, nennt Behrens einige der Vorteile der hybriden Entwicklung. Auch das Zielgerät der App ist wichtig. So hat sich das iPad sehr stark als „Lesegerät” für Datenquellen aller Art, aber auch für eBooks etabliert.
Hier können hybride Apps ihre Stärken ausspielen, vor allem die rasche und für den Anwender kaum merkliche Aktualisierung von Inhalten via Internet. (Siehe Interview mit Steffen Trenkle) Die Entwickler müssen allerdings einige Abstriche bei der Leistung machen. Die optimal auf die Hardware abgestimmt nativen Apps sind sprürbar schneller als Hybrid-Apps.
Für Behrens haben diese Apps allerdings ihre Berechtigung. „Sie eignen sich für alle Arten von Medieninhalten und für die meisten Marketing-Konzepte, die mit Apps umgesetzt werden sollen“, fasst Behrens zusammen. “Wenn Time-To-Market und Kosten entscheidend sind, sollte über eine hybride App nachgedacht werden.”
Plattform-übergreifende Frameworks
Der Traum jedes Experten für Online- und Mobile-Marketing: Eine App blitzschnell aus HTML, CSS-Stilen und Javascript bauen und schon begeistert sie alle Anwender. Das dürfte bis auf weiteres auch ein Traum bleiben, meint Timo Zein, der Geschäftsführer von Appmagine (www.appmagine.de). „Webapps haben ein Grundproblem: Bei ihrem Einsatz auf dem Smartphone ist die Verbindung das Nadelöhr.“
Zein plädiert daher an App-Entwickler, die Nutzer immer im Hinterkopf zu behalten. „Die Leitfragen sind: Wer nutzt die App? Und wo nutzt er sie?” Zahlreiche Apps sind sinnlos, wenn man sie nur mit Internetverbindung nutzen kann. Deshalb sind native Apps in vielen Anwendungsbereichen immer noch konkurrenzlos.
Für Timo Zein ist das Nutzungsprofil entscheidend. „Smartphones werden sehr oft in Bussen, Bahnen und Flugzeugen ohne oder mit nur schlechter Verbindung eingesetzt“, betont er. Bei einer reinen Marketing-App mag ein Verbindungsabbruch ja noch verschmerzbar sein, aber spätestens bei „echten” Produktivitäts-Apps dürfte so etwas zu einem Aufstand der Anwender führen.
Native Apps sind allerdings ein Kostenfaktor: Wer auf drei Plattformen erscheinen will, muss hohe Entwicklungskosten kalkulieren. Also stellt sich die Frage nach der plattformunabhängigen Entwicklung erneut. Und wieder lautet die Antwort: Mit Webtechnologien, aber auf eine andere Weise.
Es gibt auf dem Markt mehrere Frameworks für plattformübergreifende Entwicklung, zum Beispiel die Open-Source-Produkte PhoneGap (www.phonegap.com) oder Appcelerator Titanium (www.appcelerator.com). Einige kommerzielle Produkte wie Worklight (www.worklight.com) oder RhoMobile (rhomobile.com) verfolgen ähnliche Ansätze.
Sie bieten einheitliche Schnittstellen zu den verschiedenen Plattformen an und oft auch eine komfortable Entwicklungsumgebung für den Mac oder Windows. Programmiert wird die App mit Webtechnologien wie HTML5 oder Javascript. Titanium und seit kurzem auch PhoneGap besitzen außerdem Compiler, die echte, native Anwendungen erzeugen.
HTML5 ist im Trend
Doch auch hier muss der Entwickler mit Einschränkungen leben. „Diese Frameworks hinken der Entwicklung der Originalsysteme hinterher“, beschreibt Arne Wiggers, Entwickler und Berater bei der itemis AG, die Probleme der Cross-Plattform-Frameworks.
„Für Allerwelts-Apps sind sie sehr gut geeignet, aber für anspruchsvolle und spezielle Anwendungen fehlen im Moment zu viele Technologien.“ Die plattformunabhängigen Werkzeuge holen allerdings immer mehr auf. „HTML5 ist eindeutig im Trend“, meint Wiggers.
„Es ist auf allen Endgeräten einheitlich und wird von den nächsten Browser-Versionen sicher noch besser unterstützt”, hofft der App-Entwickler. Zur Zeit sind auf den verschiedenen mobilen Browsern jeweils unterschiedliche Teile des vorläufigen HTML5-Standards verwirklicht.
Die neue Webtechnik wird sich ohne Zweifel noch vor 2014 durchsetzen. Vielleicht ist bis dahin auch das mobile Internet zuverlässiger, zum Beispiel mit LTE. Bis dahin muss jeder Entwickler entscheiden, welcher Ansatz von Web über hybrid bis nativ der Richtige ist. Arne Wiggers: „Leider gibt es keinen goldenen Weg.”
Erst der Erfolg auf dem iPhone
Das Konzept „Cross Platform Development” wird überschätzt, sagt Christian Lupp, CEO der App-Entwicklungsagentur Codedifferent im Interview mit MOBILE BUSINESS.
Ist plattformunabhängige Entwicklung mit HTML5 der aktuelle Megatrend der App-Entwicklung?
Christian Lupp: Ja, es ist eindeutig ein Trend. Aber die Möglichkeiten werden überschätzt. Webapps und Hybrid-Apps mit HTML5 sind eher etwas für bestimmte Bereiche wie Medien oder Shops. Sie sind als Webapp besser auf das Smartphone oder Tablet zu bringen als in einer nativen App, schließlich werden die Inhalte recht häufig aktualisiert. Dafür ist der Genehmigungsprozess in den Appstores zu schwerfällig, vor allem bei Apple.
Was sind die Vorteile einer nativen App?
Lupp: Die “User Experience” ist besser und bei der Entwicklung müssen keine Kompromisse gemacht werden. Eine wirklich gute App holt alles aus der Plattform heraus und sie ist natürlich auch offline nutzbar.
Was bedeutet das für die Idee der plattformunabhängigen Entwicklung?
Lupp: Das heißt: Apps für mehrere Systeme sollten jeweils unabhängig voneinander entwickelt werden, um optimal an das Zielsystem angepasst zu sein. Bei Android ist das allerdings ein Problem. Die Offenheit des Systems hat zu einer enormen Vielfalt bei den Geräten geführt - mit jeweils eigenen Hardware-Features.
Das gleichzeitige Entwickeln von mehreren nativen Apps ist sehr aufwändig. Was würden sie einem Kunden raten?
Lupp: Wichtig ist eine Analyse der Zielgruppe: Wer wird die App nutzen und welche Gerätebasis habe ich dadurch? Für die so ermittelte Plattform wird dann eine optimale App entwickelt. Oft ist das übrigens das iPhone, denn die Besitzer von Apple-Geräten sind eher bereit, für eine App zu zahlen. Bei Android sind viele kostenpflichtige Apps nicht besonders erfolgreich, bei andern Systemen fehlt die Nutzerbasis.
Es ist eine gute Strategie, erst auf dem iPhone den Erfolg zu suchen und dann mit diesem Rückenwind die App auf andere Systeme zu übertragen.
iPad-Webapps sind im Vorteil
Das iPad ist ein visuelles Gerät, auf dem Webapps im Vorteil sind, meint der iPad-Entwickler Steffen Trenkle im Interview mit Mobile Business.
Auf welche Besonderheiten müssen Entwickler beim iPad achten?
Steffen Trenkle: Das iPad ist nicht einfach nur ein vergrößertes iPhone. Die Nutzer haben andere Erwartungen und setzen das Gerät in anderen Situationen ein. Privatanwender nutzen das iPad vorwiegend zu Hause und zwar fast ausnahmslos via WLAN - also für “Couch Surfing”. Meist wird es zur Informations- und Produktsuche genutzt.
Ersetzt das iPad den klassischen Heim-PC?
Trenkle: Ja, in die Richtung entwickelt sich die iPad-Nutzung. Gerade deshalb lohnt es sich, Webapps und Hybrid-Apps auf dem iPad zu verwirklichen. Zum Beispiel nutzen Medien-Apps oder Webshops bereits vorhandene Internet-basierte Informationsquellen. Es macht wenig Sinn, die Inhalte für verschiedene Vertriebskanäle jeweils neu aufzusetzen - der Trend geht zur Integration bestehender Informationen. Außerdem ist die Aktualisierung schnell und unkompliziert.
Ist das iPad also nur eine Konsole für das Web?
Trenkle: Das iPad ist in erster Linie ein stark visuelles Mediengerät. Außerdem haben die Anwender hohe Erwartungen an eine App. Auf dem Smartphone geht es darum, mit wenig Aufwand zum Ziel zu kommen. Das iPad dagegen erfordert eine andere Benutzerführung. Die App muss hochwertig und mit Liebe zum Detail gemacht sein und sie muss Spaß machen.
Und was ist mit anderen Tablets?
Trenkle: Zur Zeit hat Android wenig Bedeutung in diesem Marktsegment. Das wird sich vermutlich in naher Zukunft ändern, aber der Vorsprung des iPad wird sicher noch lange Zeit bleiben. Spannend wird es, wenn Windows 8 auf den Markt kommt. Niemand sollte den Fehler machen, Microsoft zu unterschätzen. Es ist eine konsequente Produktpolitik, angesichts der Marktentwicklung das vorhandene Betriebssystem für alle Endgeräte anzubieten. Microsoft wird dadurch auch im Tabletmarkt Chancen haben.
Bildquelle: © yogysic/iStockphoto.com
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