Native Apps versus HTML5
Das Spektrum erweitert sich
Manche sprechen gar von einem Glaubenskrieg, in den auftraggebende Unternehmen verwickelt würden, wenn sie sich im Rahmen ihrer Mobility-Konzepte für native Apps oder HTML5 entscheiden müssten. Dabei ist es wie immer: Es gibt gute Gründe für das eine oder das andere – und am Ende sogar noch einen Weg durch die Mitte.

HTML5 als einheitlicher Standard zur Entwicklung von Anwendungen für mobile Geräte und Desktop-PC sei eine tolle Vision. Aber bis dahin – das Wort Vision impliziert es – gebe es einige Hürden zu überwinden.
Für Mathias Kumm vom Bielefelder Systemhaus Itelligence sind dies funktionale Nachteile aufgrund der mangelnden Unterstützung durch die installierte Browserbasis und aufgrund fehlender Standardisierungen. Da HTML5 als Standard von der Umsetzung durch die Browserhersteller und der Verbreitung der Browser an sich lebe, könnte sich dieses Problem nach Ansicht einiger Experten zumindest im mobilen Umfeld bald erledigt haben. Schließlich sei die Durchdringung mit neuen Browserversionen auf den wichtigsten Smartphones und Tablets ungleich höher als im Desktop-Umfeld, wo – man mag es kaum glauben – auch in großen Organisationen immer noch mit Internet Explorer 6 (!) gearbeitet wird.
Aber was heißt eigentlich „Standard“? Natürlich hemmt der Zwist der beiden Organisationen W3C und WHATWG die einheitliche Entwicklung, weil beide die Meinungsvorherrschaft für sich beanspruchen. Und dass das WWW-Konsortium W3C erst 2014 eine Empfehlung aussprechen will, trägt auch nicht gerade zur Beschleunigung des Standardisierungsprozesses bei. Allerdings könne man die zögerliche Etablierung nicht allein an einzelnen Punkten wie beispielsweise der mangelnden IE-Unterstützung festmachen, wie es in Entwicklerkreisen häufiger vorzukommen scheint. Alexander Walther vom Internetdienstleister Black Point Arts hält dieses Argument für vorgeschoben. „Programmierer können die mangelnde IE-Unterstützung durchaus überbrücken, indem fehlende Funktionalitäten beispielsweise mit Javascript oder Flash ‚nachgerüstet’ werden.“ Man müsse lediglich ein bisschen mehr Arbeit investieren.
Einmal abgesehen davon, dass mit Apple einer der führenden Anbieter Flash nicht unterstützt und Adobe die Weiterentwicklung für mobile Endgeräte einstellt, gibt es für die Frage, ob es native Apps oder HTML5 sein sollen, zunächst einmal die Kostenperspektive. Auf 70 Prozent höher schätzt Alexander Walther die Mehrkosten für native Apps im Vergleich zur generischen HTML5-Entwicklung. Damit ist er noch relativ optimistisch. Ralf Schlossarek von der Webagentur Daton geht ganz klar von 100 Prozent pro App aus. Unterstützt wird diese Einschätzung von Bejamin Heisch, Gründer der AppYourself GmbH. Betrachte man nur die beiden aktuell wichtigsten Plattformen iOS und Android, könne man schon rein rechnerisch mit dem Faktor 2 arbeiten. Hinzu komme, dass iOS mit Objective-C und Android mit Java auf ganz unterschiedlichen Technologien und Philosophien aufsetzten. „Nach unserer Erfahrung ergeben sich daher allein bei den Entwicklungskosten Mehraufwände von Faktor 2,5 bis 4 – in Abhängigkeit der Projektgröße. Darin nicht enthalten sind Kosten für neue Plattformen, z.B. Windows Phone.“
In die Überlegungen, inwieweit solche Entwicklungskosten gerechtfertigt sein könnten, muss einbezogen werden, was die entsprechende App leisten soll. „Wir raten zu nativen Apps bei starker Integration in das Betriebssytem“, erläutert Carsten Mickeleit, CEO des Berliner Unternehmens Cortado. Als Beispiele für eine solche Integration nennt er Funktionalitäten wie das Ablegen von E-Mail-Anhängen, das Drucken auf lokalen Druckern oder das Scannen mit der geräte-eigenen Kamera. „HTML5 empfehlen wir, wenn es um das reine Anzeigen von Informationen geht und wenn auch Desktop-Systeme mit abgedeckt werden sollen.“ Mickeleit sieht HTML5 auf einem guten Weg, schließlich habe dessen „Usability“ nichts mehr mit der von Webanwendungen zu tun. „Erste Kundenreaktionen zeigen, dass unsere HTML5-Implemetierung teilweise bessere Usability-Noten bekommt als die native iOS-App.“ Aber eben nur solange, wie sich die Integration in das jeweilige Betriebssystem in Grenzen hält. Ist sie zu tief, werden HTML5 die Grenzen aufgezeigt.
Also: Wird Inhalt bzw. der neudeutsche Content transportiert, ist HTML5 in den Augen vieler die bessere Wahl. „Native Apps werden von uns immer empfohlen, wenn der Kunde auf Performance Wert legt, z.B. Videostreaming, oder wenn er Wert auf betriebssystemabhängige Features wie NFC-Unterstützung, zellbasierte Ortung oder Airplay legt. Bei informationslastigen graphischen oder textuellen Apps empfiehlt sich HTML5“, fasst Sascha Osterhues vom App-Entwicklungshaus Cocus zusammen. Aber da wir schon beim Inhalt sind: HTML5-basierte Apps können ohne Umwege über die App-Stores der jeweiligen Betriebssystemanbieter vertrieben und aktualisiert werden. Für den App-Entwickler bedeutet dies neben geringeren Kosten vor allem eine beschleunigte Markteinführung, wie Benjamin Heisch konstatiert. Denn die Zulassungsverfahren sind oft langwierig, und natürlich fordert der App-Store-Betreiber seinen (nicht geringen) Anteil.
Zudem unterliegt der App-Entwickler bzw. -Betreiber keinem inhaltlichen Diktat der App-Store-Betreiber. Im Gegenteil: Bereits im Web etablierte Disziplinen wie Search Engine Optimization (SEO), Search Engine Marketing (SEM) oder Landing-Page-Optimierung werden auch im mobilen Segment Anwendung finden müssen. „Web-Apps mit HTML5 sind dabei das Schlüsselelement, native Apps spielen hier kaum eine Rolle“, versichert Benjamin Heisch.
Dass HTML5 zu einer immer ernstzunehmenderen Alternative wird, zeigt auch die Tatsache, dass es mittlerweile erste App Stores gibt. „Neben dem Google-Chrome-Appshop wird Microsoft mit Windows 8 ebenfalls einen App-Store für
HTML5-Anwendungen starten. Auch viele Carrier haben solche Pläne bereits in der Schublade“, verrät Carsten Mickeleit von Cortado.
Doch es bleibt nicht notwendigerweise bei diesem Entweder-oder. Mittlerweile propagieren eine Reihe von App-Entwicklern auch sogenannte Hybride Apps, auf die ebenfalls Matthias Kumm von Itelligence verweist. Er kann sich gut vorstellen, dass in naher Zukunft native und plattformübergreifende HTML5-Entwicklung durch Hybride Apps gekoppelt werden und auf diese Weise die Vorteile beider Ansätze sinnvoll verknüpft werden können. „Dabei basieren hybride Applikationen auf mobilen Webseiten, die mittels integrierter nativer Apps an die Bedienmöglichkeiten und Schnittstellen einzelner Endgeräte angepasst werden.“ So jedenfalls liest es sich beim Entwicklungshaus Noxum, und weiter: „Hybride Apps kombinieren die gerätespezifischen Funktionen mit den Inhalten der mobilen Website. Der native Teil einer hybriden App wird auf jeden Endgeräte-Typ zugeschnitten, wie z.B. der Zugriff auf interne Schnittstellen zu GPS-Empfänger, Kamera oder Adressbuch. Der womöglich Update-intensive Teil der App wird in den Web-Teil der hybriden App ausgelagert und kann so serverseitig aktuell gehalten werden.“ Für den funktionellen Teil bedürfe es zudem keinerlei Anpassungen an einzelne Endgeräte, was wiederum die Entwicklungskosten senke.
Klingt zu schön, um wahr zu sein. Doch auch hier gilt: kein Vorteil ohne Nachteil. Die Autoren des Buches „Architekturen mobiler Multiplattform-Apps, Felix Willnecker, Damir Ismailović und Wolfgang Maison verweisen darauf, dass für hybride Apps keine Standardinfrastrukturen existierten. Zudem seien sie im Bedarfsfalle schwer erweiterbar und es könne teilweise zu Problemen mit den App-Store-Betreibern (z.B. Apple) kommen.
Es gibt also gute Gründe für und gegen jede der drei Optionen – Abwägen muss man in jedem Falle. Da ist es hilfreich, wenn die handelnden Personen in den Unternehmen die grundlegenden Stärken und Schwächen einer App-Lösung kennen. Selbst wenn, wie Joachim Bader von Sapient Nitro es formuliert, die Kunden nur das Richtige für ihre jeweiligen Bedarfsfälle und kein technisches Produkt erwarten, kann eine Entscheidung in die falsche Richtung weitreichende und langfristige Folgen haben. Man sollte sich zumindest über das grundlegend Machbare im Klaren sein – und Glaubensfragen ausblenden.
Bildquelle: iStockphoto.com/mammamaart
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