Car2Car-Technologie
Kommunikation auf 4 Rädern
Das Auto von Morgen wird nicht nur fahrbarer Untersatz, sondern vielmehr Beifahrer, Unterhalter und Beschützer in einem sein. Zur Steigerung der Verkehrssicherheit und -effizienz soll die Vernetzung der Fahrzeuge untereinander in den nächsten Jahren weiter voranschreiten. Doch welche Möglichkeiten und Risiken werden damit eröffnet?

Das Auto der Zukunft ist mit anderen Fahrzeugen und seiner Umgebung vernetzt und soll den Fahrer mittels intelligenter Fahrassistenzsysteme dabei unterstützen, Unfälle zu vermeiden oder in kritischen Situationen schneller reagieren zu können, indem es ständig Informationen über Staus, Straßensperrungen oder Gefahren auf der Strecke austauscht.
Im Gegensatz zu passiven Sicherheitssystemen wie Sicherheitsgurt, Kopfstütze, Airbag, Knautschzone, Antiblockiersystem (ABS) und elektronisches Stabilitätsprogramm (ESP), die den Fahrer im Falle eines Unfalls schützen, sollen aktive Maßnahmen den Fahrer vor einer drohenden Gefahr warnen, um somit Unfälle zu vermeiden bzw. die Unfallschwere zu minimieren. Solche Maßnahmen sind Bremsassistenten, die bei einer drohenden Kollision automatisch abbremsen, Vibrationslenkräder, die die Wachsamkeit des Autofahrers fördern, damit dieser in der Spur, bleibt und ihm beim Abbiegen an einer Kreuzung navigieren, intelligentes Licht, das auf Personen und Lebewesen am Straßenrand aufmerksam macht und die sogenannte Fahrzeug-zu-Fahrzeug- bzw. Fahrzeug-zu-Infrastruktur-Kommunikation. Die Fahrzeug-zu-Infrastruktur-Kommunikation funktioniert über den Austausch von Sensordaten bezüglich Verkehr, Straßenzustand und unerwarteter Ereignisse, die zwischen den Fahrzeugen ausgetauscht werden. Befindet sich beispielsweise ein Stauende hinter einer Kurve, Glatteis auf der Straße oder ein Schlagloch im Asphalt, können Autofahrer mit Hilfe dieses Systems vorgewarnt werden und schneller auf plötzlich auftretende Hindernisse oder Gefahren reagieren.
Weniger Unfälle dank intelligenter Fahrzeugtechnik?
Trotz hoher Sicherheitsstandards in modernen Autos werden laut Erhebungen des Statistischen Bundesamts Deutschland pro Jahr immer noch geschätzte 389.000 Menschen bei Unfällen im Straßenverkehr verletzt. Rund 3.900 Menschen sterben an den Folgen von Autounfällen. Elf Menschen lassen demnach pro Tag ihr Leben. Um die Zahl tödlicher Verkehrsunfälle zu senken, eignen sich intelligente Verkehrssysteme, mit denen Unfällen vorgebeugt werden kann. Drei Viertel der Bundesbürger fordern laut einer repräsentativen Umfrage des Branchenverbands Bitkom in Zusammenarbeit mit der Aris Umfrageforschung Markt-, Media- und Sozialforschungsgesellschaft mbH, dass der Staat vermehrt in solche Systeme investiert. Die Studie „Automobil-ITK im Auto und Elektromobilität“, die im August des vergangenen Jahres durchgeführt wurde, stellte heraus: In puncto staatliche Finanzierung intelligenter Verkehrssysteme zur Vermeidung von Staus und Unfällen sind sich 72 Prozent der befragten Deutschen einig, dass eine Investition über Mautgebühren oder aus Steuermitteln sinnvoll wäre.
Ulrich Kersken, Chefarchitekt der Bosch Multimedia GmbH, ist überzeugt, dass die Unfallstatistik ohne die ausgefeilten Systeme zum Schutz der Autoinsassen und anderer Verkehrsteilnehmer heute nicht so gut wäre, wie sie ist, und sich auch nicht so gut entwickelt hätte. „Fahrassistenzsysteme sollen den Fahrer in kritischen Situationen intuitiv unterstützen das Richtige schnell (bei minimaler Reaktionszeit) zu tun und ihn dabei auch in komplexen Verkehrsszenarien mental möglichst gering beanspruchen“, bekräftigt der Geschäftsführer des Kompetenznetzwerks ITS Niedersachsen, Dr.-Ing. K.-O. Proskawetz.
„Um die Ablenkung des Autofahrers durch die Informationsvielfalt zu reduzieren und ihn gezielt zu entlasten, sind virtuelle Assistenten und individuelle Unterstützung notwendig“, bestätigt Ulrich Kersken. Bosch setzt dabei auf einen ganzheitlichen HMI-Ansatz (Human Machine Interface), in dem alle haptischen, akustischen und visuellen Rückmeldungen an den Fahrer koordiniert werden. „So kann zum Beispiel, wenn der Fahrer sich in einer kritischen Fahrsituation wie Nebel oder auf einer kurvenreichen Strecke befindet, eine Information (zum Beispiel ein Telefonanruf) während der Fahrt erst später und damit zeitversetzt ausgegeben werden“, erklärt der Chefarchitekt von Bosch.
Da das Ansprechen unterschiedlicher Sinne das Risiko einer eindimensionalen Reizüberflutung beim Fahrer reduziert, arbeitet Opel für die Definition dieser Rückmeldemechanismen eng mit Psychologen zusammen. „Der Fahrer wird mit Informationen versorgt, die er ohne technische Unterstützung gar nicht oder erst sehr viel später wahrnehmen könnte. Reaktionszeiten und Bremswege werden verkürzt, stabilisierende Eingriffe in z.B. Bremse, Lenkung und Antrieb können durch die Fahrassistenzsysteme unterstützt und damit optimiert werden“, erläutert Dr. Burkhard Milke, Director Electrical Systems, Infotainment & Electrification bei der Adam Opel AG.
Abhörsicher durch den Straßenverkehr
Die Vorteile der Car2X-Kommunikation liegen auf der Hand, aber wie sicher sind die Informationen, die zwischen den Fahrzeugen ausgetauscht werden, geschützt? „Fahrzeugbezogene Daten werden nur in anonymisierter Form übermittelt und sind vor dem unautorisierten Zugriff durch Dritte geschützt“, erklärt Dr. Christian Weiß von der Daimler AG und Projektleiter des Bundesforschungsprojekts SIM-TD (Sichere Intelligente Mobilität-Testfeld Deutschland). „Auf diese Weise sind keine Rückschlüsse auf Fahrer bzw. konkrete Fahrzeuge möglich“, weiß auch Horst Leonberger, Leiter Konzerngeschäftsfeld Vernetztes Fahrzeug bei der Deutschen Telekom. „Erst eine Kombination von Informationen aus unterschiedlichen und als besonders vertrauenswürdig eingestuften Institutionen ermöglicht Rückschlüsse auf die tatsächliche ‚Identität‘ des jeweiligen Fahrzeugs. Ein nicht autorisiertes ‚Abhören‘ von einzelnen Fahrzeugen kann somit ausgeschlossen werden“, bestätigt Dr. Burkhard Milke. „Die Kommunikationssysteme werden angriffssicher gestaltet, so dass praktisch niemand gefälschte Meldungen aussenden kann“, grenzt Christian Ress, technischer Spezialist Fahrzeugkommunikation der europäischen Ford Forschung & Vorentwicklung, die Risiken der Car2Car-Technologie ein.
Technik, die begeistert?
Bereits heute ist es möglich, mittels Chip das Auto aufzuschließen, per Smartphone-App vorzuheizen oder den Tankfüllstand, den nächsten Wartungstermin oder den Verbrauch aus der Ferne per PC oder Smartphone zu ermitteln. „Grundsätzlich ist alles denkbar im Fahrzeug, was auch als App im Mobiltelefon verfügbar ist“, ist sich Christian Ress von Ford sicher.
Horst Leonberger berichtet in diesem Zusammenhang von dem App-Wettbewerb rund ums Auto, den die Telekom im vergangenen Jahr ausrichtete: „Gewonnen hat die App, die über mehrere Wochen hinweg das Fahrverhalten analysieren soll und auf Grundlage der ermittelten Daten berechnet, ob sich der Umstieg auf ein Fahrzeug mit Elektroantrieb lohnt.“
Was aber meinen die Bürger zu den Innovationen in der Fahrzeugtechnik? Nicht nur beim Thema Sicherheit sind die Befragten der Bitkom-Studie an Neuerungen interessiert, jeder sechste Deutsche würde sich sogar das Lenken abnehmen lassen. Bei der Kaufbereitschaft eines vollautomatischen Autos zeigen die Bundesbürger sich jedoch eher zurückhaltend und skeptisch. 70 Prozent der Frauen und rund 89 Prozent der Männer würden sich gegen den Kauf eines vollkommen autonomen Fahrzeugs entscheiden.
Auch die Experten stehen dem vollautonomen Fahrzeug noch skeptisch gegenüber. So sind insbesondere innerstädtisch die Verkehrsabläufe laut Dr.-Ing. K.-O. Proskawetz „so komplex, dass auf absehbare Zeit allein aus Gründen der Haftung der Fahrer stets in der Verantwortung bleiben wird“. An Funktionen zum teilautonomen Fahren, bei denen temporär automatisch gefahren wird, wird gearbeitet, sagt er. „Als Beispiel hierzu könnte das Szenario dienen, dass ein Fahrer einen Herzinfarkt erleidet und das Fahrzeug in einen sicheren Zustand (halten am rechten Straßenrand oder Standstreifen) überführt und weitere Maßnahmen wie Warnblinker und Notruf einleitet.“ Autonomes Fahren wird es in näherer Zukunft nur in sehr definierten Situationen wie in einem Stau geben. Ein Stau-Assistent würde selbständig anfahren, bremsen und lenken, ist sich auch Ress sicher. „Autofahren ist nach wie vor ein emotionales Erlebnis, auf das wir so schnell sicherlich nicht verzichten möchten“, ist sich Horst Leonberger sicher. „Solange der Fahrer Einfluss nehmen kann, muss er auch die höchste Instanz in der Entscheidungsfindung beim Fahren bleiben“, fasst Dr. Burkhard Milke zusammen.
Zukunftsmusik im Autoradio
Entwickelt wurde bisher eine Vielzahl von Fahrassistenzsystemen, die den Autofahrer im Straßenverkehr unterstützend zur Seite stehen. Ob Einparkhilfe, Alkoholsensoren als Wegfahrsperre, Notbremsassistenten oder automatischer Notruf, rein technisch ist die Entwicklung noch lange nicht an ihre Grenzen gelangt. „Wir gehen davon aus, dass es zukünftig breitbandige Anwendungen wie Streaming Radio oder Video während der Fahrt im Auto gibt“, erläutert Horst Leonberger die Tendenz der Telekom. „Die Vernetzung im Auto wird in Zukunft genauso selbstverständlich sein wie im Büro oder zu Hause", führt er weiter aus. „Die modernen Endgeräte sind die Vermittler zwischen den Welten. Auto und Fahrer sprechen Smartphone“, beschreibt Dr. Burkhard Milke, Director Electrical Systems, Infotainment & Electrification bei der Adam Opel AG, die Rolle mobiler Endgeräte in der Fahrzeugtechnologie.
„Das mobile Gerät könnte zukünftig z.B. den Fahrzeugschlüssel ersetzen oder dem sportlich ambitionierten Fahrer als persönliches Telemetrie- und Data-Recording-System dienen“, ist sich Dr. Burkhard Milke sicher. In puncto Car2Car-Technologie sei es von großer Bedeutung, „ob es gelingt, weltweite Standards festzulegen und ob es einen globalen politischen Willen gibt, in eine solche Infrastruktur zu investieren.“ Wir dürfen also gespannt sein, was die Zukunft diesbezüglich an Überraschungen bereithält.
Bildquelle: Daimler AG
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