Smartphone als Einkaufsberater
Sieht mehr als das menschliche Auge
Es ist mehr als praktisch, während des Lebensmitteleinkaufs das im Regal gefundene Produkt direkt mit Angeboten anderer Ketten zu vergleichen. Moderne Smartphones erlauben dies ebenso wie das Auffinden bevorzugter Lokalitäten in einer fremden Stadt.

Sobald sich die Kamera ein Bild von der Umgebung gemacht hat, zeigt das Display die entsprechende Adresse und Wegbeschreibung an. Im Idealfall schafft ein Foto Klarheit, ob das Ambiente wirklich zum Verweilen einlädt.
Viele mobile User nutzen die Kamera im Smartphone nur für gelegentliche Schnappschüsse. Applikationen mit Augmented Reality (AR) könnten dies ändern. Die „erweiterte Realität“ unterstützt Wahrnehmungen des menschlichen Auges mit digitalem Content, welcher aus dem Internet abgerufen werden. Auf dem Bildschirm werden diese Informationen dann eingeblendet. Vorausgesetzt, ein besonderer AR-Browser wie Layar oder Junaio ist auf dem Smartphone installiert, können solche Add-Ons an jedem Standort mit Sendeempfang abgerufen werden.
Dies kann sich schnell bezahlt machen, etwa vor wichtigen Anschaffungen. Der Anwender kann beispielsweise (s)ein virtuelles Ego mit Anzügen, Schuhen und andere Modeartikeln einkleiden. Oder gerade fotografierte, neue Wohnräumlichkeiten virtuell mit Möbeln vollstellen. Auf dem Bildschirm sieht er, ob das ausgesuchte Outfit passt oder die künftige Umgebung tatsächlich seinem Geschmack entspricht – Fehleinkäufe sollten der Vergangenheit angehören.
Wie, wo, was?
Vor allem aber erleichtert mobile AR die Orientierung in fremden Umgebungen. Mit GPS-basierten Geo-Informationen kann der Nutzer Restaurants, Fachgeschäfte, Parkhäuser und andere Anlaufpunkte in unmittelbarer Nachbarschaft ermitteln. Manche Handels- und Restaurantketten nutzen AR bereits für ihre Standortpromotion. Als Vorreiter gilt der internationale Fastfood-Konzern Quiznos. Wer in Innenstädten und Sportarenen, den bevorzugten Standorten von Quiznos, sein Smartphone-Kamera auslöst, erfährt die genaue Adresse des nächsten Outlets in Form eines virtuellen Toasts oder Salats. Auf den neuesten Versionen werden auch die Outlets selbst abgebildet.
Solche Auftritte können mit zusätzlichen Informationen und Animationen, etwa über die aktuelle Speisekarte angereichert werden. Mancher Marktkenner schwärmt von AR längst als „Emerging Topic“, welche in den nächsten Jahren endgültig im Markt ankommen wird. „Vor allem mobile Anwendungen können vom hohen Reifegrad branchentypischer Technologien wie GPS, digitalem Kompass oder Software für Objekt- und Personenerkennung profitieren“, sagt Oliver Schiffers von der IT- und Unternehmensberatung Sapient Nitro.
„AR wird so zum wirkungsvollen Instrument für Marketing und Kundenbindung, das den Nutzern relevante Mehrwerte bietet und ganz neue Markenerfahrungen eröffnet." Völlig neu ist diese Technologie freilich nicht. Unternehmen wie Lego oder Ikea probierten AR bereits Ende des letzten Jahrzehnts für PoS-Kiosksysteme oder Desktoplösungen aus. Mit Erfolgszahlen konnte jedoch kaum ein Anbieter auftrumpfen, was auch an technischen Defiziten lag.
Jetzt bereit zum Durchbruch?
So erlebten die User viele Anwendungen nur im 2D-Format und konnten diese nicht von allen Seiten einsehen. Jetzt folgt der dritte Anlauf für iPhone & Co. mit erheblich verbesserten Applikationen. Allerdings lässt die Hardware einiger Smartphones noch Wünsche offen. Bei Geräten mit einfachen Kamerasensoren versagt häufig die Bildführung, wenn sich die User in schlecht beleuchteter Umgebung aufhalten oder bewegliche Objekte aufnehmen. Wer auf Nummer Sicher gehen will, muss ein Gerät mit BSI/CMOS-Sensoren einsetzen, welche besonders schnelle, lichtempfindliche und rauscharme Aufnahmen garantieren. Auch Multicore-Prozessoren erhöhen die AR-Leistung. Mit einem Dual-Core - Prozessor können zwei Arbeitsvorgänge, beispielsweise Bilderkennung und -verarbeitung, nahezu zeitgleich gestartet werden.
Weil auch ein Tablet-PCs in Grenzen mobile Geräte, gibt mancher Hersteller bereits eine zusätzliche Anwendung für iPad & Co. in Auftrag: Auf dem deutlich größeren Bildschirm können auch komplexere Informationen und Animationen plaziert werden – so jedenfalls die Erwartungshaltung. Wenn Augmented Reality also jetzt nicht den Durchbruch erlebt – wann denn dann?
Marktkenner machen einen Erfolg dieser Technologie auch von den Applikationen selbst abhängig. „Auf Dauer stoßen AR-Anwendungen nur dann auf positive Resonanz, wenn sie bewährte Services vereinfachen, echte Probleme lösen oder ganz einfach Spaß machen“, mahnt Markus Bokowsky, Inhaber der Münchner Internet-Agentur Bokowsky & Laymann, die bereits mehrere AR-Projekte realisiert hat Ein Beispiel für ein solches Spaßprodukt ist die Adidas-Applikation für die Turnschuh-Kollektion „Originals“. Über einen AR-Code auf der Schuhzunge erhält der Kunde Zugang zu interaktiven Spielen mit Starwars und anderen Filmmotiven. „Vor allem für jugendliche Nutzer muss es einen innovativen Zusatznutzen zum eigentlichen Produkt geben“, sagt Adidas-Kommunikationsdirektor Oliver Brüggen. Allerdings vermeidet der Sportartikelhersteller jegliche Aussage, welche Nutzerzahlen er erwartet - bei Games ist die Gefahr, den User-Geschmack doch zu verfehlen, erfahrungsgemäß immer besonders hoch.
Augmented Partnerwahl
Wer auf seinem Smartphone AR-Botschaften empfangen will, muss zuerst einen Browser downloaden – Layar, Junaio oder Wikitude. Die Zukunft dürfte jedoch fertigen Produkten gehören, welche den Browser bereits integriert haben: Ein solcher Pionier ist die „Welt der Wunder“-App von Bauer Media, die auf Junaio läuft. Für den Anwender ist dies naturgemäß eine Erleichterung, denn Extra-Abrufe von Layar & Co. entfallen.
Ausschließlich mit diesen Spezialbrowsern können Kamera, Bildschirm, GPS und andere elektronische Teile zeitgleich arbeiten – Android und iOS schaffen dies nicht. Anbieter mobiler AR-Applikationen müssen sich also für einen Partner entscheiden. Im Moment hat Layar aus den Niederlanden die Nase vorn vor Junaio, das von dem Münchner Hersteller Metaio entwickelt wurde.
Ab ins Kino
Wer hat nicht schon mal bei Wochenendurlauben und anderen Auswärtsaufenthalten Lust auf einen Kinobesuch gehabt? Abhilfe verspricht kino.de. Über die Junaio-App kann der Anwender Filmtheater in der unmittelbaren Umgebung aufspüren. Wenn er eines anclickt, öffnet sich dessen aktuelles Programm. Außerdem liefert Google Maps die Wegbeschreibung. Von den monatlich 2,1 Millionen Unique Usern gelten bis zu zehn Prozent als AR-affin. Grund genug für kino.de-Betreiber Gruner + Jahr, beim Junaio-Produzenten Metaio auch eine Version für Tablets anzuregen.
Virtuell möbliert
Rund 20.000 User haben die AR-Applikation von Möbelhaus Pfister bereits auf ihr Smartphone geladen. Für den schweizerischen Einzelhändler, der auch Kunden in Süddeutschland hat, ist das viel. Jeder User stellt Produkte aus dem Online-Katalogs in seine virtuellen vier Wände. Während junge Anwender unter 30 hierzu häufig nur zehn Minuten brauchen, nehmen sich ältere gerne mehr Zeit. Für diese Zielgruppe wurde deshalb eine Tablet-Version entworfen. Seit Frühjahr wirbt Pfister mit einer zweiten AR-Plattform für Gartenmöbel.
Bildquelle: © iStockphoto.com/procurator
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